Der Stoff aus dem Neumünster gemacht wurde

Das monotone Rattern eines Webstuhles erfüllt den Ort mit einem Klang
aus einer längst vergangen Zeit. Am Webstuhl sitzt Gerhild Schröder, pen-
sionierte Weberin und nun Mitarbeiterin im Museum für Tuch und
Technik. Sie erzählt: „Dieses Geräusch ist für mich fast entspannend,
hat fast einen meditativen Aspekt“. Gerhild Schröder ist gelernte
Weberin und absolvierte ihren Meister in Bremen. Sie webt jeden Freitag
Handtücher und Decken für den Museumsshop.

Denn heute ist das industrielle Zeitalter Neumünsters vorbei. Im
Museum reihen sich maschinelle Zeitzeugen dicht an dicht. Vom
Webstuhl des 9.Jahrhunderts, über die Spinning Jenny-dem ersten
dampfbetriebenen Webstuhl bis zur modernen Greifwebmaschine.
Eine riesige helle Werkshalle liegt vor den Besuchern, wenn man vom
Haupteingang über die Brücke die erste Etage betritt. Mit Blick von
der Empore auf diverse Maschinen der Textilverarbeitung zieht sich
das Museum über eine Fläche von ca. 2000 Quadratmetern. Es riecht
nach Motorenöl – nicht nach Textilien. Vom industriellen epochalen
Neumünster bleibt außer den Maschinen nicht viel übrig. Das was übrig
bleibt, kann man sich seit 2007 im Museum für Tuch und Technik ansehen.
Mitten im Herzen der ehemaligen Industriestadt steht das Museum in
Schaukastenoptik und bewahrt dort die Zeugen dieser Zeit. Hier erfährt
der Besucher alles über die Technik und die Menschen, die in der Textil-
herstellung tätig waren.

Anja Pöpplau, Museumspädagogin erklärt, dass es früher haupt-
sächlich arme Familien waren, die ihren Lebensunterhalt dadurch
bestritten. Die Eltern arbeiteten mindestens vierzehn Stunden am
Tag, die Kinder sammelten die Wolle in der Fabrik auf. Sobald ein Kind
laufen konnte, wurde dies ohne Ausnahme, zur Arbeit herangezogen.
1891 wurde die Kinderarbeit dann verboten. Was alles dafür nötig war
diese Kleidung herzustellen und mit welchen Entbehrungen die
Arbeiter leben mussten, zeigt das Museum. Neben den zahlreichen
Infos zur Technik, kann der Besucher auch selbst viel ausprobieren
und z.B. das Weben üben. Außerdem gibt es eine Abteilung über
die Stadtgeschichte und ein „Kino“ mit Filmen von Anwohnern über
das Leben in der Stadt.
Auch Astrid Frevert, Direktorin des Museums, sieht sich nicht nur
als Ausstellerin sondern auch als Vermittlerin von Kulturgut,
das für die Zukunft aufgehoben werden soll. Sie möchte bewusst machen

wie aufwändig die Herstellung der Kleidung ist. Astrid Frevert meint
es sei wichtig selbstbewusst mit dem Textilerbe und somit mit der
Neumünsters Vergangenheit umzugehen.

Gerhild Schröder möchte dieses Erbe auch bewahren, daher setzt sie
sich jeden Freitag an den Webstuhl, zieht dort konzentriert ihre
Bahnen und webt Textilien. So wie sie es gelernt hat. Gerhild Schröder
ist zufrieden. Heute ist wieder ein Stück Neumünsteraner Geschichte
in Form eines Tuches entstanden.