Kultur macht Schule – Schule macht Kultur

Aufgeregt reden sie durcheinander, lachen und und freuen sich auf die Stunde mit Olaf Plotz. Der 63jährige, mit aufgeweckt freundlichem Blick – macht seit den 70ern Musik und ist nun seit 2013 Dozent im KulturTeil Programm. Hier im gemütlichen Musikraum sitzen nun 20 Kinder erwartungsvoll in einem Stuhlkreis zusammen. Es ist die zweite Schulstunde. Die Kinder kommen aus unterschiedlichen Herkunftsländern, aber Eines haben sie gerade gemeinsam: Die Vorfreude auf die Percussionstunde.

“Wenn es egal ist, wie du aussiehst, woher du kommst, ob du die Sprache sprichst und nur die Musik verbindet, dann ist es KulturTeil-Zeit an der Vicelinschule in Neumünster,“ so Plotz, dabei schnappt er sich eine Trommel und geht im Wiegeschritt durch die Reihen der Grundschüler.

Die wöchentliche Percussionstunde schafft für die Kinder, Integration durch Sprachförderung. Olaf Plotz führt die sie an Trommelübungen heran, dabei spricht er rhytmisch die Texte vor und lässt diese dann von den Schülern wiederholen und erzählt, wie das hilft: “Ich hole alle Kinder da ab, wo sie sprachlich gerade stehen. Mal ist es etwas schwergängiger, mal sind es aber auch Klassen, wo es ganz schnell läuft. Und das verbessert neben der sprachlichen Entwicklung auch die Konzentration”.

Sina, ein kleines, schlankes Mädchen mit schwarzen Haaren und dunklen Augen, betritt noch etwas zaghaft die Bühne des Musikraumes. Sie flüchtete vor knapp 2 Jahren mit ihrer Familie aus Syrien und hat noch Probleme mit der deutschen Sprache. Nun darf sie sich ein Percussioninstrument aussuchen und wählt die Mbira, ein afrikanisches Daumenklavier mit unverwechselbarem Klang.
Mit unsicherem Griff bedient sie mit ihren kleinen Fingern das exotische Instrument. Sina stellt sich ganz vorne an den Bühnenrand und gibt mit dem Instrument einen Rhythmus vor. Die Klassenkameraden folgen ihr. Es passiert ganz ohne Worte. Dennoch verstehen sie alle und genau das ist es, was dieses Projekt ausmacht. Durch den spielerischen Umgang schaffen es die Kinder, sich schnell auf die deutsche Sprache einzulassen. Sie verbinden dann die Freude und die Erfolgserlebnisse mit dem Spracherwerb.

KulturTeil wird vom Kulturbüro Neumünster initiiert und Agnes Trenka ist dafür zuständig: „Wir bekommen viele Rückmeldungen. Vor allem aber von den Lehrern oder den Erziehern, weil die natürlich direkt dabei sind, wenn die Angebote stattfinden. Man kann also sagen, dass die Rückmeldungen durchweg sehr positiv sind. Das Programm wird gut angenommen. Unsere Buchungszahlen sind hoch. Wir organisieren rund 100 Projekte pro Schuljahr und erreichen damit rund 3700 Kinder und Jugendliche in Neumünster.“

Ganz besonders werden sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche mit diesem Programm gefördert. Daher war es sinnvoll, die Angebote an Kitas und Schulen zu installieren, die von Schülern aus sozial und finanzschwachen Familien besucht werden. Denn diese Familien schaffen es oft aus unterschiedlichen Gründen nicht, den Kindern kulturelle Teilhabe zu ermöglichen.
Interessiert sich eine Schule oder KiTa für das Prgramm, so gibt es eine Datenbank aus der Lehrer und Erzieher sich dann kulturpädagogische Angebote heraussuchen können. Die Vielfalt dieser Angebote reicht über Projekte wie Kreatives Gestalten, Leseförderung, Museumspädagogik, Musik, Theater, Tanz und Zirkus. Dazu werden dann Musiker, Künstler und Theaterpädagogen, die einen Kurs oder ein Workshop leiten, engagiert. Es ist möglich, einfach nur pädagogische Übungen und Rollenspiele zu machen, aber auch z.B. ein ganzes Theaterstück einzustudieren. So wird die Sprachkompetenz ganzheitlich gefördert. Die Kinder trauen sich in einem entspannten Rahmen auf der Bühne zu stehen, zu musizieren oder gemeinsam ihren Text zu sprechen. Daraus schöpfen sie Mut und eignen sich so letztendlich das Selbstbewusstsein an, welches sie im Schulalltag benötigen, denn sie werden gehört und gesehen.
Der Pausengong beendet die Percussionstunde. Selbst als es klingelt sind die Kinder der zweiten Klasse an der Vicelinschule in Neumünster immernoch ganz in ihrem Element und können sich nur schwer von den Instrumenten trennen. Brav bringen sie diese dann doch in den Nebenraum; einige Schüler bedanken sich sehr herzlich bei Olaf Plotz. Die Freude auf ihren Gesichtern spricht Bände.

Das Programm KulturTeil ist erstmal für 5 Jahre finanziell bewilligt. Also bis zum Sommer 2019. Ab dann braucht das Programm in Neumünster Unterstützer, um weiter existieren zu können. Doch noch fehlt die Finanzierung.

In der kommenden Legislaturperiode gilt für das Bundesland Schleswig-Holstein: Mehr Geld für Kitas, Wissenschaft und Schule. Ziel der Landesregierung ist es, bis zum Ende der Legislaturperiode Eltern und Kommunen im Kita-Bereich zu entlasten sowie die Qualität in den Kitas zu steigern. Allerdings umfasst das Investitionspaket eher Bereiche wie den Schulbau, Sportstätten und die sonstige Infrastruktur. Für das Programm „KulturTeil“ bedeutet dies, nur die Hoffnung darauf, dass sich die Stadt wohlwollend zeigt oder sich Sponsoren finden lassen.

Mittlerweile ist die Pause vorbei, es klingelt zur nächsten Schulstunde und die Kinder, die eben noch im Musikraum Percussionunterricht hatten, stürmen heiter in den Klassenraum. Deutsch steht auf dem Stundenplan. Die Lehrkraft erwartet nun eine ausgeglichene Klasse, die sich die nächsten 45 Minuten gut konzentrieren kann. Nur ein Effekt des KulturTeil Programmes an der Vicelinschule in Neumünster an diesem Tag.

http://kulturteil-nms.de/cms/