Gegen die Natur – von Langschläfern und Spätaufsteher

Der frühe Vogel fängt den Wurm. Aus dem Munde von Vereinsvorsitzenden Rüdiger Bartsch würde diese Redensart wohl eher so klingen: „Der frühe Vogel kann mich mal.“

Seit der Gründung des Langschläfervereins „Delta t“ (*Delta t ist ein physikalischer Ausdruck für eine Zeitdifferenz), gibt es dort regen Zulauf. An einem Sonntag im Dezember, bei einem späten Frühstück, gründeten elf von Rüdiger Bartsch eingeladenen Langschläfer den ersten deutschen Spätaufsteherverein. Vereinsziel laut Satzung ist es „zeitversetzt und langschlafenden Menschen zu Anerkennung, Toleranz und vor allem zu einem ihrer Natur entsprechendem Leben zu verhelfen.“ Doch lässt sich dieses redliche Vorhaben in den Alltag übertragen?
Gut, die vorteilhaften Ladenöffnungszeiten sorgen schon mal dafür, dass Langschläfer keine leeren Kühlschränke haben müssen, aber im beruflichen Leben gibt es dann wohl einige Hürden zu nehmen. Schließlich kann nicht Jeder in der Gastronomie arbeiten.

Für ein Leben im Einklang mit der eigenen Natur spricht auch Dr. Harald Bense der Uni Regensburg. Der Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums meint: „Es gibt einen genetischen vorgegeben Schlafrhythmus. Das haben Tierversuche erwiesen. Die Literatur unterscheidet zwischen „Lerchen“ und „Eulen“. Bei den „Eulen“ läuft die innere Uhr, die den Schlaf-Wach-Rhythmus bestimmt, nicht im üblichen 24h Takt, sondern in einem Rhythmus von 25 Stunden. Das heißt aber nicht, dass wir dem wehrlos ausgeliefert sind. Wann und wie lange jemand schläft, hängt auch von den äußerlichen Einflüssen ab. Den meisten Spätaufstehern kann mit einer einfachen Maßnahme geholfen werden. Stellen Sie an Wochenenden den Wecker auch auf 8 Uhr!“
Doch wer tut das schon. Langschläfer sind gesellschaftlich wenig anerkannt. So reichen die Vorurteile weit von „alles Künstler“, über „Faulpelze“, bis zu „Tagediebe“. Dennoch gibt es einige berühmte Spätaufsteher: Gottfried Wilhelm Leipniz und Willam Shakespeare arbeiteten auch vorzugsweise nachts.

Rüdiger Bartsch meint gegen den Widerstand: „Wir leben im normalen 16 Stunden Wach-Schlaf-Rhythmus wie andere Menschen auch. Da der aber später einsetzt als beim Durchschnitt, bezeichnen wir uns als zweitnormal. Viele Langschäfer müssen gegen ihre Natur anleben, um nicht ohne Job dazustehen. Aber ist das gesund? Schauen Sie sich einen Sachbearbeiter beim Finanzamt mal an. Der bekommt morgens kaum die Augen auf und gegen 21 Uhr könnte er Bäume ausreißen.“

Bleibt die Frage, ob es in unserer heutigen schnelllebigen Gesellschaft nicht gut ist einfach mal mehr auf die innere Stimme und die innere Uhr zu achten. Denn auch die Produktivität hängt davon ab, ob jemand ausgeschlafen ist oder nicht. Achtsamkeit steht hoch im Kurs, gleitende Arbeitszeiten, für den der es sich leisten kann, könnten da ein gutes Signal sein. Sind sie eine „Eule“ oder eine „Lerche“? Arbeiten Sie schon oder schlafen Sie noch?