Werfen Sie hier doch einmal ein Auge drauf…

Auch wenn die Dienstleistung des Ocularisten nichts mit Okkultem zu tun hat, hat diese doch etwas Geheimnisvolles…

Es zischt und rauscht, als er das Glas über den fast 1000 Grad heißen Bunsenbrenner hält. Ein undefinierbarer Geruch steigt einem in die Nase, dennoch ist es schwer den Blick zu lösen, wenn sich das Material im Feuer verformt. Schwer vorstellbar, dass daraus gleich ein individuelles Kunstwerk entsteht. Ein Kunstwerk, das Menschen ihr ursprüngliches Aussehen wiedergibt. „So mancher hat sich hierbei schon die Finger verbrannt“, meint Uwe Greiner. Der Ocularist aus Hamburg fertigt mittlerweile seit 40 Jahren Augenprothesen an.

Zweimal im Jahr haben Patienten die Gelegenheit sich ein neues Glasauge anfertigen zu lassen, denn dann sind die Ocularisten sozusagen auf „Tour“. Auf dieser Tour besuchen sie diverse Kliniken in Norddeutschland, um Patienten mit neuen Augenprothesen auszustatten. Da diese in der Regel nur zwei Jahre tragbar sind, sollten sie regelmäßig erneuert werden. Immer auf Tour dabei sind diverse Rohlinge, im Fachjargon „Halbfertige“ genannt. Die Halbfertigen werden bei einem Schmelzpunkt von 600-1000 Grad geschmolzen. Dabei wird das Glas in die Länge gezogen, geformt und dem alten Glasauge angepasst. Individuelle Farbnuancen der Patientenaugen werden bis ins kleinste Detail berücksichtigt, was ebenfalls ein gutes Auge und viel Fingerspitzengefühl erfordert. Das Glas wird dann in die gewünschte Form und der Größe eines Auges geblasen. Nachdem Form und Größe stimmen, wird die Farbe der Iris erstellt. Einzelheiten, wie kleine Äderchen aus dünnen eingefärbten Glasfäden, werden aufgeschmolzen. Am Ende wird das Auge heruntergekühlt. Dies geschieht über einen erhitzten Metalltiegel, denn in Wasser würde das Glas zerspringen. Nun kann es eingesetzt werden. Nach 40 Minuten ist der Herstellungsprozess abgeschlossen und der Patient erhält sein neues Glasauge.

Die Ocularisten können zwar kein funktionstüchtiges Auge herstellen, wohl aber eines, das von dem gesunden Auge nur sehr schwer zu unterscheiden ist.

Die Kosten liegen pro Auge bei 450,- EUR, diese werden von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Bei Beschädigung wird oft aus Kulanz unentgeltlich nachgearbeitet.

Bundesweit tragen mehr als 160.000 Menschen eine Augenprothese. Oft wird deutlich, dass besonders Kinder sehr unbefangen mit der Behinderung umgehen, denn meist sind es die Eltern die Unsicherheiten mit dem Handling haben und so eventuelle Ängste manchmal auf die Kleinen übertragen. Doch die Ocularistenteams beraten geduldig und geben Hilfe beim Einsetzen. An so einem Tourtag werden bis zu zehn Kunden bedient. Der Ocularist Uwe Greiner meint: „Es bietet sich immer an, einen Termin an den ersten Besuchstagen zu vereinbaren, denn wenn es irgendwo drückt, kann dies dann noch einen Tag später vor Ort geändert werden.“ Aber natürlich gehen auch Glasaugen in der Herstellung mal kaputt, das ist zwar selten, aber es passiert. Meistens ist der Grund, wenn es zu Luftbläschen im Material gekommen ist. Uwe Greiner ist aber mit seinem Material sehr zufrieden. Er bezieht es seit Jahrzehnten aus einer Glashütte in Ostdeutschland nahe Sonnenberg. Aus diesem Ort stammen er und seine Familie, denn schon sein Großvater arbeitete dort als Glasbläser. Und was bringt das den Patienten? Ganz einfach, diese filigrane Arbeit hat in der Familie Greiner Tradition. So kommt es auch, dass Greiners Tochter nun als Auszubildende im Betrieb arbeitet, um dann demnächst mit auf Tour zu gehen und weitere Patienten mit neuen Glasaugen zu versorgen.